Mein Vortrag versucht die virulente Frage nach dem ‚Jesuitischen‘ der jesuitischen Kunst nicht in einem längst widerlegten ‚Jesuitenstil‘, sondern im Hinblick auf eine Ästhetik der Liminalität zu beantworten. Die Grundlage hierfür bilden zunächst die Geistlichen Übungen des Ordensgründer Ignatius von Loyola, insbesondere die sog. Zusammenstellung des Raumes (compositio loci) und die Anwendung der Sinne (applicatio sensuum), die beide mit inneren Bildern der Imagination operieren. Diese Techniken waren konstitutiver Bestandteil der jesuitischen Gebetspraxis, bei der das innere Bild zwischen Repräsentation und Präsenz changierte. Während es bei der Zusammenstellung des Raumes um eine ‚bildbasierte‘ intellektuelle Durchdringung des meditierten Glaubensgeheimnisses ging (Repräsentation), intendierte die Anwendung der Sinne eine affektive Beeinflussung des Meditierenden, indem er aktiv am imaginierten Geschehen, am verlebendigten Bild, partizipierte (Präsenz). Die beiden Techniken waren mit der Entstehung einer ordenseigenen, für das Selbst-Exerzitium konzipierten Gebetsliteratur gegen Ende des 16. Jahrhunderts entscheidend an der Ausbildung eines jesuitischen Wahrnehmungshabitus beteiligt. Dieser Wahrnehmungshabitus hat sich, wie gezeigt werden soll, auch auf die Ästhetik der jesuitischen Sakralräume ausgewirkt. Anhand summarischer Analysen dreier jesuitischer Sakralräume in Rom untersuche ich, wie die zu verschiedenen Zeitpunkten entstandenen, medial unterschiedlich konzipierten und stilistisch heterogenen Räume der Jesuiten unter dem Aspekt der Liminalität zusammengefasst und im Hinblick auf das eigentümliche Verhältnis von Präsenz und Repräsentation beschrieben werden können. Bislang galt vor allem das Langhausfresko des Jesuiten-Laienbruders Andrea Pozzo in Sant’Ignazio (1694) aufgrund seines Illusionismus als vollkommener Ausdruck jesuitischer Spiritualität. Im Spannungsfeld von Präsenz und Repräsentation war gerade der Bruch des Illusionismus ein zentraler Bestandteil jesuitischer Wirkungsästhetik. Dieses Spannungsfeld war aber bereits in Gianlorenzo Berninis Sant’Andrea al Quirinale (1658–70), die Noviziatskirche des Ordens, als auch im ersten Ausstattungsprojekt der Jesuiten, die Cappella della Natività in der Mutterkirche des Ordens Il Gesù (1584), wirksam.